Warum ein Deserteursdenkmal?

Struktur und Täterschaft der NS-Militärjustiz wurde bis in die 80er Jahre hinein kaum hinterfragt. Deserteure, „Kriegsverräter“ und wegen Wehrkraftzersetzung Verurteilte galten in der Öffentlichkeit weithin als zu Recht Verurteilte. Das Ausmaß der Verurteilungen und die darin innewohnende Logik der Abschreckung wurden kaum thematisiert. Kein Wehrmachtrichter wurde vor einem bundesdeutschen Gericht rechtskräftig verurteilt. Anträge und Klagen auf Widergutmachung und Entschädigung der Opfer fanden kein Gehör. Die alten Militärrichter bestimmten den wissenschaftlichen Diskurs. Dies fand sein Ende erst mit Beginn der 80er Jahre über erste Arbeiten einer überwiegend neuen Generation von Historiker_innen, über folgende  öffentliche Debatten über die „saubere Wehrmacht“ und über erste Urteile der höchsten deutschen Gerichte in den frühen 90er Jahren, die eine Kehrtwende markierten. Nicht zuletzt hatte auch die aufkommende Friedensbewegung ein zunehmendes Interesse daran, diese Opfergruppe zum Schwerpunkt zu machen. Zahlreiche Deserteursdenkmäler – häufig als Reaktion auf vorhandene Kriegerdenkmäler oder in Bezug auf aktuelle friedenspolitische Debatten entstanden. In Hannover entstand 1990 ein Deserteursdenkmal im Rahmen einer Totalverweigererinitiative. 2009 schließlich rehabilitierte der Bundestag mit den wegen Kriegsverrat verurteilten Soldaten die letzte Opfergruppe der NS-Militärjustiz. Neuere Forschungen bemühen sich seitdem stärker Prozesse und die beteiligten Menschen in den Blick zu nehmen.

An dieser Stelle könnte mensch  sich zurücklehnen und das Thema als abgeschlossen betrachten. Warum dann aber noch – neue – Deserteursdenkmäler – warum in Hannover?

Trotz aller Rehabilitation ist das aktive Gedenken und Erinnern ein Gebot der Zeit, denn die fortlaufende Auseinandersetzung damit verhindert eine Mumifizierung des Gedenkens, welches am Ende kein Gedenken mehr ist. Das Wissen um Gehorsamsverweigerer hat sich verändert. Die allgemeine Sicht des „Helden“ oder des „Feiglings“ ist weitgehend einer differenzierteren Betrachtung gewichen. Die Suche nach Motiven steht dabei erst am Anfang.

Verurteilungen und Hinrichtungen fanden nicht irgendwo statt. Die Orte lassen sich benennen. Diesen Orten kann und muss auch eine Geschichte zugeordnet werden.

Eine Gesellschaft trägt Verantwortung auch für die Taten ihrer Vorgänger.  Eine Stadt wie Hannover – zentraler Punkt der Rüstungsindustrie im Dritten Reich, bedeutender Militärstandort muss sich auch dieser Verantwortung stellen. Zahlreiche belegbare Biographien weisen nach, dass Soldaten und Zivilisten nach Militärstrafrecht in Hannover ermordet wurden und dass zahlreiche Soldaten aus Hannover von der NS-Militärjustiz hingerichtet wurden. Über die Täter besteht wiederum dringender Forschungsbedarf.

Das vorhandene Deserteursdenkmal wird diesem Anspruch nicht gerecht – weder räumlich noch strukturell.

Aus Aktiven des Friedensbüros Hannover, der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereingte KriegsdienstgegnerInnen OG Hannover und Einzelpersonen hat sich daher ein Initiativkreis für ein neues Deserteursdenkmal für Hannover gegründet.

Die Initiative ist über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! erreichbar.

Update: 22.09.2012 Die Verwaltung der Stadt Hannover hat auf Beschluß des Kulturausschusses vom Januar einen Vorschlag für die Aufstellung eines Deserteursdenkmals auf dem Fössefeldfriedhof vorgelegt. Eine ausführliche Analyse zum Stand der Debatte bieten folgende zwei aufeinander aufbauende Beiträge Einführung Diskussion über ein neues Denkmal. Der Antrag wurde auf Verlangen der CDU an die Fraktionen überwiesen. Dokumentiert hier eine Redebeitrag auf der BürgerInnenfragestunde und eine Presemitteilung der Initiative zu diesem Thema.

Update Januar 2013 Inzwischen hat der Kulturausschuss die Vorlage der Stadtverwaltung zur Kenntnis genommen. Seitens der Stadt ist daher im Frühjahr mit einem konkreten Vorschlag und einer entsprechenden Umsetzungsvorlage zu rechnen.