Terminhinweis:
Freitag 13.01.2012, 20.00 Uhr im Demoz in Ludwigsburg
Samstag 14.01.2012, 19:30 Uhr im Wild West Mannheim
Buchvorstellung
Desertion und Männlichkeitsbilder
Deserteure sind „Feiglinge“ „Drückeberger“ und „Weiber“. Deserteure sind Helden im antifaschistischen Kampf. Diese Bilder derjenigen, die sich dem Krieg entzogen, herrschten – je nach Sichtweise – uneingeschränkt bis in die 1980er Jahre vor. Der Autor Ralf Buchterkirchen geht, ausgehend von Männlichkeitsbildern und der Militärjustiz als willfähriger Repressionsstruktur der Nazis, der Frage nach, wie und warum Soldaten des Zweiten Weltkrieges den Gehorsam verweigerten und wie sie selbst mit diesen ihnen zugewisenen Stereotypen umgingen.
Hinterfragt wird vor diesem Hintergrund auch die nicht erfolgte Rehabilition direkt nach Kriegsende. Dabei wird deutlich, wie Männlichkeitsforschung neue Ansätze liefern kann, Desertion als individuelle Entscheidung vor dem Hintergrund von Repression zu verstehen und damit auch Deserteuren und den ihnen Helfenden angemessen zu gedenken.
Neuerscheinung:
“... und wenn sie mich an die Wand stellen”
Desertion, Wehrkraftzersetzung und “Kriegsverrat” von Soldaten in und aus Hannover 1933-1945
von Ralf Buchterkirchen
Paperback, 178 Seiten, 13,90 €, ISBN: 978-3-930726-16-5
Inhaltsverzeichnis und Einleitung (pdf)
„Schade, dass es ihn nicht erwischt hat!“ Diese spontane Reaktion auf die Meldung über das misslungene Attentat auf Adolf Hitler kostet Hubert Breitschaft das Leben. Der Lehrer aus dem bayrischen Cham wird vom Feldgericht verurteilt und in Hannover-Vahrenwald erschossen.
Der Hannoveraner Robert Gauweiler, dem zur Last gelegt wurde, im Kameradenkreis gesagt zu haben: „Diesen Krieg verlieren wir“, wird von der Wehrmachtsjustiz in Dänemark zum Tode verurteilt und in Hamburg erschossen. So wie Breitschaft und Gauweiler erging es vielen. Die NS-Militärjustiz verhängte etwa 30.000 Todesurteile gegen Soldaten, die den Gehorsam verweigerten; mindestens 21.000 wurden vollstreckt.
Für Hannover – einen der fünf wichtigsten Rüstungsstandorte – hat dieses Kapitel der deutschen Geschichte besondere Relevanz. Am Waterlooplatz wurden Soldaten durch die Militärgerichtsbarkeit verurteilt, in Hannover-Vahrenwald, auf dem Gelände, wo sich heute die Emmich-Cambrai-Kaserne befindet, wurden sie hingerichtet und auf dem Fössefeldfriedhof in Hannover-Linden begraben. In jahrelanger Recherche wurden die Daten von 51 gehorsamsverweigernden Soldaten ermittelt, die aus Hannover kamen oder dort hingerichtet wurden. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Diese Soldaten sind die Hauptpersonen des vorliegenden Buches.
Statt sie anzuerkennen, wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg verunglimpft, ihr Schicksal verschwiegen und verdrängt. Bis zum Jahr 2009 hat es gedauert, dass der Bundestag auch wegen Kriegsverrats Verurteilte rehabilitierte. In den Jahren zuvor wurden bereits Verurteilungen durch die Wehrmachtsjustiz wegen Desertion und Wehrkraftzersetzung für nichtig erklärt.
Eingereiht in eine Beschreibung der gesellschaftlichen und politischen Situation und im Anschluss auch an neuere Erkenntnisse der Geschlechter- und Männlichkeitsforschung wird nach den individuellen Beweggründen der Gehorsamsverweigerung gesucht. Herausgekommen ist eine facettenreiche Darstellung eines viel zu gern vergessenen Stücks deutscher Geschichte.
In Hannover erinnert heute nur ein fast nicht mehr kenntlicher Stein an das Schicksal der Deserteure.
Deserteure der Wehrmacht 1939 - 1945 in und aus Hannover.
Im Zweiten Weltkrieg sind von der Wehrmachtjustiz mindestens 30.000 Todesurteile wegen “Fahnenflucht" (Desertion), "Wehrkraftzersetzung" und "Kriegsverrat" verhängt worden. Mindestens 21.000 davon wurden vollstreckt. Unbekannt ist die zahl derer, die durch Standgerichte in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges hingerichtet wurden. Grundlage für diese Urteile der NS-Militarjustiz war die Kriegssonderstrafrechtsverordnung, flankiert von der Kriegsstrafverfahrensordnung, die beide auf Anordnung Hitlers mit dem Einmarsch der Wehrmacht nach Polen in Kraft gesetzt wurden.
Desertion und militärischer Ungehorsam
Die Desertion in der Wehrmacht war überwiegend ein individueller Akt des Ungehorsams gegen das militärische Prinzip von Befehl und Gehorsam. Sie geschah selten an der Front, häufiger dagegen beim Heimaturlaub. Der Deserteur entzog sich dem Militär durch Flucht und irrte häufig ruhe- und rastlos umher. Er brauchte Essen, Kleidung, Unterkunft und Geld. Die nötige Hilfe bekam er häufig von Frauen. Er mußte seine Identität verbergen, sich verstecken und immer mit der Angst leben, entdeckt oder denunziert und verhaftet zu werden. Alfred Andersch beschrieb seine Desertion als Weg in die Freiheit und in die Einsamkeit: “Deserteure sind Menschen, die sich selbst in die Wüste schicken.”
Die Motive und Verlaufsformen der Desertion waren ebenso verschieden, wie die Formen von Widerstand und Verweigerung. Man wird von mehreren hundertausend Wehrmachtsoldaten ausgehen müssen, die sich auf die eine oder andere Weise dem Kriegsdienst entzogen haben. Es gab nicht den typischen Deserteur.
Folgende Formen des Ungehorsams lassen sich benennen:
- die offene Kriegsdienstverweigerung, z.B. durch Musterungs-, Einberufungs- oder Eidverweigerung,
- die latente Form, z.B. durch Erlangung der “Wehrunwürdigkeit” oder illegale Auswanderung,
- die Flucht, wie z.B. vorübergehende unerlaubte Entfernung, Fahnenflucht, Überlaufen, aber auch Selbstmord,
- Wehrkraftzersetzung, passive Befehlsverweigerung, Wehrdienstentziehung durch Selbstverstümmelung oder durch Simulation von Krankheiten,
- aktive Gegengewalt wie tätlicher Angriff oder Tötung eines Vorgesetzten, Sabotage, aktive Befehlsverweigerung oder Meuterei/Aufruhr.
Soldaten in und aus Hannover
Hannover war nicht nur rüstungsseitig eine der kriegswichtigsten Stätten des Deutschen Reiches. Neben zahlreichen Rüstungs- und Zulieferfirmen wie Continental oder Hanomag, hatten auch zahlreiche Divisionen und Wehrverwaltungen ihren Sitz in Hannover. Hier wurden an neun Militärgerichten Soldaten abgeurteilt, hier wurden diese in Hannover-Vahrenheide hingerichtet und auf dem Fössefeldfriedhof begraben. Um diese Soldaten und um die jenigen, die aus Hannover kamen und an den Kriegsfronten sich dem gehorsam verweigerten, soll es auf dieser Seite gehen.
Die Informationen auf dieser Seite beruhen auf jahrzehntelanger Arbeit von Klaus Falk, der diese Informationen für diese Seite zur Verfügung stellte.
Eine Dokumentation von Klaus Falk mit zahlreichen Quellverweisen findet sich im Downloadbereich. |